Über das Werk
„Cybele“ ist innerhalb dieser Werkgruppe eine bewusste Gegenbewegung zu den farbintensiven, frontaleren Porträts. Das Bild zeigt eine liegende Figur im Querformat, den Kopf auf den Arm gebettet, den Körper diagonal über die Breite geführt. Gerade diese Haltung verleiht dem Werk seine Ruhe. Nichts darin sucht den direkten Zugriff oder die starke Pose. Die Figur wirkt zurückgenommen, in sich gesammelt und ganz auf den eigenen Körperraum konzentriert.
Die Farbigkeit bleibt entsprechend reduziert. Gebrochene Weißtöne, Beige, Ocker, Braun und dunklere Linien im Haar und an einzelnen Konturen bauen eine warme, körpernahe Zone auf, die von einem kühleren Grund aufgenommen wird. Dieser Gegensatz ist wichtig für die Wirkung. Der Körper erscheint nah, zart und verletzlich, während der Hintergrund Distanz und Luft schafft. Das Bild braucht keine starke Buntheit, weil es seine Spannung aus Tonwerten, Materialität und Haltung entwickelt.
Besonders prägend ist die Oberfläche. Die Acrylfarbe ist sichtbar pastos, kantig und hart gespachtelt. Dadurch bekommt die liegende Figur eine haptische Präsenz, die weit über reine Kontur hinausgeht. Schulter, Rücken, Arm und Hals bestehen nicht aus glatten Übergängen, sondern aus Schichtungen, Brüchen und rauen Verdichtungen. Gerade diese Materialität verhindert, dass das Werk in bloße Sanftheit kippt. Es bleibt ruhig und zart in der Haltung, aber deutlich körperlich und widerständig in der Malerei.
Auch kompositorisch ist „Cybele“ bewusst gebaut. Die Breite des Formats erzeugt Atmung und gibt der Figur Raum, ohne Leere zu produzieren. Dunklere Haarpartien und einzelne Kanten setzen Halt, während große Flächen offen bleiben und das Bild tragen. Aus der Nähe zeigen sich Struktur und Relief der Malerei besonders stark; aus der Distanz schließt sich die Arbeit zu einer stillen, geschlossenen Figurform. Als Originalgemälde von carographic by Carolyn Mielke steht „Cybele“ für zeitgenössische figurative Malerei in Acryl, die zarte Körperruhe, liegende Haltung und hart gespachtelte Materialität in einer reduzierten Bildsprache verbindet.