Über das Werk
„Rufina Rothe“ ist ein großformatiges, quadratisches Porträt, in dem mehrere leicht gegeneinander verschobene Gesichtskonturen sich zu einer einzigen Figur verdichten. Augen, Nasenlinien, Mund und Wangen wiederholen sich, verschieben sich und greifen ineinander – als würden verschiedene Zustände oder Perspektiven derselben Person gleichzeitig sichtbar.
Ein warmes, erdiges Rot bestimmt Hintergrund und Gesicht gleichermaßen – Korallen-, Ziegel- und Rosttöne treffen auf kühles Hellblau, gebrochenes Weiß und tiefes Dunkelblau. Diese Gegenüberstellung von warmer und kalter Farbigkeit verleiht dem Porträt seine Spannung; helle Partien setzen Lichtpunkte, dunkle blaue Linien schärfen Augen, Lippen und Konturen. Breite, offene Pinselzüge, Spritzer und feine Farbpunkte prägen die malerische Oberfläche, während die sorgfältig ausgearbeiteten Augen als konzentrierte Ruhepunkte wirken und dem mehrfach verschobenen Gesicht einen wachen, konzentrierten Ausdruck verleihen.
Charakteristisch ist das Spannungsverhältnis zwischen Wiedererkennbarkeit und Auflösung: Das Gesicht bleibt lesbar und erscheint zugleich frontal, verschoben und fragmentiert – lesbar als Erinnerung und Gegenwart, Selbstbild und Fremdbild, Stärke und Verletzlichkeit. Der Name „Rufina“ verweist auf das lateinische rufus, rot beziehungsweise rötlich, und macht Rot zu einem Teil der Identität der Figur – Präsenz, Energie und körperliche Unmittelbarkeit ebenso wie Wärme und innere Spannung. Trotz der expressiven Malweise besitzt das Werk durch die monumentale Kopfposition und den direkten Blick eine auffällige Ruhe: Je länger der Blick verweilt, desto mehr verschmelzen die einzelnen Fragmente zu einer einzigen komplexen Persönlichkeit.
„Rufina Rothe“ verbindet expressive Porträtmalerei mit einer bewusst offenen Darstellung von Identität – Farbe, Linie und Bewegung erzählen dabei eine zweite Geschichte über das Entstehen und Auflösen eines Bildes.