Über das Werk
In „Rubina Rothe“ wird das klassische Porträt in mehrere gleichzeitig wahrnehmbare Ansichten aufgebrochen. Im Zentrum steht ein frontal ausgerichtetes Gesicht, das von einem seitlich versetzten Profil begleitet und überlagert wird – als würden verschiedene Blickrichtungen oder zeitliche Zustände derselben Person in einem einzigen Moment zusammengeführt. Stirn, Augen, Nase, Lippen und Kinn gehen ineinander über und bilden eine komplexe, nahezu skulpturale Einheit.
Die Farbigkeit wird von zahlreichen Nuancen eines gedämpften, mineralisch wirkenden Rots getragen: Korallrot, Rostrot und rosige Erdtöne bestimmen Hintergrund und Figur, dazwischen liegen Flächen und Linien aus hellem Blau, Weiß, Grau und tiefem Marineblau. Die kühlen Farbtöne brechen die Wärme des Rotgrundes und modellieren die Gesichtszüge; Volumen entsteht durch das Übereinandersetzen kontrastierender Farbflächen. Sichtbare Pinselbewegungen, Spritzer und spontane Linien lassen den Entstehungsprozess Teil des fertigen Werkes bleiben.
Im Zentrum des Werkes stehen die Augen: Trotz der starken Fragmentierung behalten sie eine bemerkenswerte psychologische Präsenz – der zentrale Blick wirkt ruhig und prüfend, während die seitlichen Augen andere Richtungen aufnehmen. „Rubina Rothe“ bleibt so offen zwischen Distanz, Aufmerksamkeit und innerer Sammlung. Der Name „Rubina“ erinnert an den Rubin und damit an die Farbe Rot – hier jedoch gebrochen, überlagert und mit kühlen Tönen konfrontiert, wodurch die Farbe Tiefe und Patina erhält.
Die mehrfache Darstellung desselben Gesichts eröffnet unterschiedliche Lesarten: als vielschichtige Persönlichkeit, als wechselnde innere Zustände oder als Verweis darauf, dass Identität nie nur aus einer einzigen Perspektive erfahrbar ist. „Rubina Rothe“ ist damit nicht das Porträt einer Person in einem Augenblick, sondern die Verdichtung mehrerer möglicher Erscheinungsformen zu einem einzigen, intensiv von Rot getragenen Bild.